Kaum einer von uns wird jemals auf einer großen Bühne stehen. Doch bestimmt haben sich die meisten von uns schon einmal vorgestellt, wie es wäre, im Rampenlicht zu stehen, während Zehntausende von Augenpaaren auf die eigene Person gerichtet sind. Spätestens bei diesem Gedanken werden meine Hände feucht und mir rutscht das Herz in die Hose. Nicht so bei Lostboi Lino. Im Interview verrät er uns, wie sich für ihn Live-Momente anfühlen. Wir haben ihn im letzten Jahr bei Wein am Stein in Würzburg gesehen. Es ist kein klassisches Festival, sondern eher ein Wein-Festival. Keine riesige Bühne. Eher ein Moment, der fast schon vertraut wirkt. Gerade deshalb ist es spannend, wie ein Künstler so einen Moment wahrnimmt.
Große Bühne, weniger Druck
Eigentlich würde man denken: Je größer die Bühne, desto schwieriger wird es für den Künstler. Mehr Menschen. Mehr Erwartung. Mehr Druck. Doch fühlt es sich für dich auch so an?
Lostboi Lino:
„Ja, aber nicht so, wie man das vielleicht annehmen würde. Umso größer die Bühne ist, umso leichter fällt es mir tatsächlich.“
Interessant. Möglicherweise liegt es daran, dass große Bühnen eine gewisse Distanz schaffen. In kleineren Settings ist die Präsenz dafür viel spürbarer, weil alles so nah und unmittelbar ist.
Das Publikum wird zu einem einzigen Moment
Als Zuschauer vergisst man häufig, dass die Welt aus der Bühnensicht komplett anders aussieht. Das Publikum sieht einen Interpreten, möglicherweise eine Band, aber wie nimmt der Künstler die Menge wahr?
Lostboi Lino:
„Ich sehe das Publikum eher als ein ganzes Energiebündel, auch wenn ich einzelne Personen wahrnehme und mit ihnen singe.“
Dieses Bild beschreibt es perfekt. Es geht nicht um die Summe von 500 oder 5.000 einzelnen Fans, sondern um einen gemeinsamen Moment. Genau diese Verbindung bestimmt letztlich, ob ein Auftritt die Menge mitreißt oder floppt.
Der Moment entsteht nicht auf der Bühne
Jeder, der schon einmal auf einem Konzert oder auf einem Festival war, hat am eigenen Leib erfahren, dass es bei einem Auftritt nicht nur um den Künstler geht. Selbst dasselbe Konzert kann sich mit einem anderen Publikum ganz anders anfühlen und von verschiedensten Stimmungen geprägt sein. Während einige Acts tagesaktuelle Anlässe in ihre Performance einfließen lassen, oder den Fokus auf emotionale Aspekte setzen, treiben andere die Menge mit Wall of Death oder Mosh-Pits in den puren „Musik-Wahnsinn“. Am Ende ist es eben die Interaktion mit den Fans, die einen Auftritt für beide Seiten einzigartig macht.
Lostboi Lino:
„Wenn ich Energie vom Publikum zurückbekomme, umso mehr fühle ich es und vergesse alles um mich herum.“
Das ist wohl der Kernpunkt unseres Gesprächs, denn ein besonderer Moment ist keine Einzelleistung. Es ist weder der Künstler, der das entscheiden kann, noch das Publikum. Irgendwie müssen alle auf einer Wellenlänge sein.
Und dann ist da diese eine Person
Trotzdem passiert etwas Spannendes. Nimmt man als Künstler die einzelne Person wahr?
„Ja, wenn 10.000 Leute vor der Bühne springen und ich eine Person am Rand stehen sehe, die mit verschränkten Armen nur zuguckt, habe ich mich schon dabei erwischt, dass ich mich dann frage: Wie bekomme ich die Person auch noch zum Springen?“
Das ist doch mal eine Aussage, über die sich jeder Fan freuen dürfte. Denn sie macht deutlich, dass Künstler mit Leidenschaft dabei sind und ihnen jeder Fan am Herzen liegt. Damit kann sich jeder Zuschauer als wichtigen Teil des Konzerts verstehen. So entsteht eine Gemeinschaft, welche schlussendlich das Konzert prägt.
Spontan oder nicht?
Von außen wirken viele Momente spontan. Ein Beispiel, das mir besonders in Erinnerung geblieben ist: Die Band bricht das Lied nach kurzer Zeit ab, weil alle mit dem Smartphone filmen. Danach beginnt das Lied von neuem, aber ohne die Barriere vor dem Gesicht. Doch als ich das Konzert nochmals besuchte, entstand dieselbe Situation erneut. Was auf den ersten Blick spontan wirkte, war also eine clever geplante Maßnahme. Aber für das Publikum fühlte es sich nicht so an.
Da stellt sich mir die Frage: Was kann der Künstler tun, um wirklich spontane Momente zu erschaffen?
Lostboi Lino:
„Ich erzähle einfach davon, was mich an dem Tag oder in der Woche beschäftigt, und habe immer ein Repertoire an Spielchen, auf die ich zurückgreifen kann. Das funktioniert immer ganz gut.“
Der Moment, der hängen bleibt
Konzertbesucher kennen diesen einen oder auch mehrere besondere Momente, die sich für immer ins Gedächtnis einprägen und auch noch Jahre später so anfühlen, als wäre es gestern gewesen. Die pure Magie! Geht es Künstlern genauso?
Lostboi Lino:
„Es gab einen Auftritt, bei dem ich am Ende von meinem Set Gänsehaut hatte, was ich im Nachhinein als meinen ‚8 Mile‘-Moment betitelt habe, einfach weil die Energie im Raum mich daran erinnert hat, als Eminem in dem besagten Film das letzte Battle gewinnt.“
Das ist meiner Meinung nach ein sehr schönes Beispiel dafür, dass nicht nur der Künstler ein erinnerungswürdiges Erlebnis schafft, sondern auch das Publikum für magische Momente beim Künstler sorgen kann.
Was wir daraus mitnehmen
Wenn wir auf den Auftritt bei Wein am Stein zurückblicken, so waren dort viele Gänsehaut-Momente. Es ging nicht um die Größe der Bühne, sondern um die intime Beziehung zwischen Künstler und Publikum. Und das inmitten der Kulisse zwischen den romantischen Weinbergen des Würzburger Steins und der Festung Marienberg. Ein echtes Paradebeispiel dafür, wie aus einem Konzert ein echtes Erlebnis wurde. Ein Erlebnis, das sich nicht in einem Video festhalten lässt, sondern nur in genau diesem einen Augenblick und der Erinnerung existiert.
Danke an Lostboi Lino und sein Team für die Einblicke.
