Live ist der Moment, in dem alles zusammenkommt und gleichzeitig der, der am meisten von unsichtbaren Strukturen abhängt. Wer auf einem Festival steht und eine Band zum ersten Mal live erlebt, denkt selten daran, was nötig war, damit dieser Moment überhaupt stattfinden konnte. Es geht nicht „nur“ um Bühne, Licht oder den Slot im Line-up, sondern vor allem um den Weg der Acts dorthin. Hinter jedem Auftritt steht ein System aus Netzwerken, Förderstrukturen und Entscheidungen.
Katja Lucker ist Geschäftsführerin der Initiative Musik, einer der zentralen Fördereinrichtungen für die deutsche Musikwirtschaft. Die Initiative unterstützt Künstler:innen, Clubs und Festivals und kennt die Mechanismen, die darüber entscheiden, wer auf welche Bühne kommt. Wir haben mit Katja gesprochen.
Die Initiative Musik unterstützt sowohl Künstler:innen als auch Strukturen der Livekultur – von Clubs bis zu Festivals. Wie hat sich aus Deiner Sicht die Bedeutung von Live-Musik in den letzten Jahren verändert – sowohl für Künstler:innenkarrieren als auch für die Musiklandschaft insgesamt?
Die Bedeutung von Livemusik war für Künstler:innenkarrieren schon immer zentral – als Ort, an dem alles beginnt, künstlerische Identität geschärft wird und Publikum wächst. In den letzten Jahren ist Live für viele Acts zusätzlich zur wichtigsten Einnahmequelle geworden und damit für viele Karrieren existenziell.
Für die Musiklandschaft bedeutet das: Clubs und Festivals sind heute nicht nur kulturelle Infrastruktur, sondern auch ein wirtschaftliches Fundament. Sie bündeln künstlerische Entwicklung, Reichweite und Einkommen unmittelbar miteinander.
Die Bühne ist der Ort, an dem alles beginnt und für viele genau deshalb so schwer zu erreichen ist. Ohne Netzwerk, ohne Sichtbarkeit und ohne die richtigen Formate bleibt selbst starke Musik unsichtbar. Vieles entscheidet sich, lange bevor die Scheinwerfer angehen.
Programme wie Live 500 oder der Festivalförderfonds setzen direkt bei Auftrittsorten und Formaten an. Welche Rolle spielen solche Strukturen für die Entwicklung von Künstler:innen – insbesondere in frühen Phasen?
Förderprogramme der Initiative Musik wie Live 500 oder der Festivalförderfonds setzen genau dort an, wo künstlerische Karrieren beginnen: auf der Bühne. Sie ermöglichen erste größere Auftritte, stärken die Bühnenpraxis und erweitern die Reichweite jenseits der eigenen Szene. Auf der Bühne haben Künstler:innen die Möglichkeit, ihr künstlerisches Profil im direkten Kontakt mit dem Publikum zu schärfen und weiterzuentwickeln.
Die Nachwuchs- und Diversitätsförderung der Programme eröffnet insbesondere Acts, die in etablierten Strukturen der Musikbranche oft unterrepräsentiert sind, neue Chancen und sorgt für faire finanzielle Rahmenbedingungen. Ein weiterer Fokus liegt zudem auf nicht-urbanen Regionen: Dort schaffen Festivals und Clubs häufig erst die strukturellen Voraussetzungen für Live-Erfahrung und verhindern, dass künstlerische Entwicklung an fehlender Infrastruktur scheitert.
Ein erster Auftritt kann vieles verändern, aber er ist nicht gleichzeitig der Durchbruch. Der eigentliche Test beginnt danach: Können sich die Künstler:innen weiterentwickeln, bleibt der Auftritt im Gedächtnis – bei Booker:innen, Festivals und beim Publikum? Wer hier professionelle Unterstützung erfährt, kann nachhaltig an Sichtbarkeit gewinnen.
Wenn man den Weg von geförderten Acts betrachtet: Welche Faktoren sind entscheidend, damit sich Künstler:innen von kleineren Bühnen hin zu größeren Festivalformaten entwickeln können?
Der entscheidende Schritt ist zunächst, überhaupt auf dem Radar von Booker:innen und Festivals zu erscheinen – etwa über Showcase-Formate, kuratierte Clubshows oder mit der Hilfe von Managements und Agenturen, die gezielt Netzwerke aufbauen und den Zugang zu Auftrittsmöglichkeiten herstellen.
Dabei zählt nicht nur der Auftritt selbst, sondern der passende Kontext: ein Slot, der zur künstlerischen Phase passt, und ein Umfeld, in dem ein Act als geeignete:r Festival-Kandidat:in wahrgenommen wird.
Genau an diesem Punkt setzt professionelle Begleitung an: Sie sorgt dafür, dass aus erster Aufmerksamkeit nachhaltige Kontakte entstehen, sich daraus konkrete Bookings entwickeln und Künstler:innen aus der Masse herausstechen.
Auf den ersten Blick scheint auch eine Künstler:innen-Karriereentwicklung einer klaren Logik zu folgen: auftreten, wachsen, durchstarten. In der Realität ist das anders. Die Karrieren werden kuratiert. Von Booker:innen, die Türen öffnen oder schließen. Von Netzwerken, die entscheiden, wer dazugehört und wer nicht. Und von der Frage, in welchem Umfeld ein Act überhaupt wahrgenommen wird.
Wie schätzt Du aktuell die internationalen Chancen deutscher Künstler:innen ein? Welche Faktoren entscheiden darüber, ob sich Acts auch außerhalb Deutschlands nachhaltig etablieren können – insbesondere im Live-Bereich?
Die internationalen Chancen deutscher Künstler:innen sind aktuell grundsätzlich gut, aber stärker von Strategie und Struktur abhängig als früher. Internationale Live-Auftritte sind ein wichtiger Entwicklungsschritt, weil sie neue Märkte öffnen und eine künstlerische Positionierung außerhalb des Herkunftskontexts die Karriere deutlich beschleunigen kann. Entscheidend ist jedoch nicht der einzelne Auftritt, sondern, dass Künstler:innen in ausgewählten Ländern kontinuierlich präsent sind.
Gleichzeitig verändern sich Bühnenkontexte international deutlich: Das Publikum kann sich stark vom gewohnten Umfeld unterscheiden, und auch die Produktionsbedingungen sind oft grundlegend anders. Das erfordert Anpassungsfähigkeit in Performance und Setup.
Diese Entwicklung wird durch strukturierte Exportarbeit unterstützt – etwa durch den GERMAN MUSIC EXPORT der Initiative Musik sowie wertvolle Netzwerke wie EMEE, die Kontakte und Informationen bündeln und zugänglich machen und den Austausch zwischen europäischen Exportstrukturen stärken.
Was im Heimatland funktioniert, trägt sich nicht unbedingt im Ausland. Mit dem ersten Schritt über die Grenze verändert sich oft alles. Auch hier müssen Künstler:innen wahrgenommen, bewertet und weiterentwickelt werden.
Mit Euren Exportprogrammen begleitet ihr Künstler:innen auch auf internationale Bühnen. Welche Rolle spielen Live-Auftritte im Ausland für die Entwicklung – und verändert sich das „Erlebnis Bühne“ im internationalen Kontext?
Im Ausland zeigt sich die Live-Performance eines Acts unter anderen Bedingungen oft neu. Reaktionen des Publikums sind unmittelbarer oder ungewohnter, Dynamiken im Raum verlaufen anders, und auch der Umgang mit Stille, Energie oder Timing verschiebt sich.
Diese Erfahrungen wirken direkt auf die künstlerische Arbeit zurück: Künstler:innen schärfen ihr Gespür für Dramaturgie, Präsenz und Spannung im Set und entwickeln eine größere Sicherheit im Umgang mit unterschiedlichen Live-Situationen.
Mit der Zeit entsteht daraus eine erweiterte Bühnenpraxis, die weniger auf ein fixes Setup angewiesen ist, sondern stärker auf Anpassungsfähigkeit und Reaktionsfähigkeit im Moment basiert. Gleichzeitig kann internationale Konzerttätigkeit auch Rückenwind für die Wahrnehmung im Heimatmarkt geben – etwa durch mehr Radio-Airplay oder Präsenz in redaktionellen Formaten.
Strukturierte Exportarbeit schafft dafür die Voraussetzungen, indem sie internationale Auftrittsmöglichkeiten überhaupt erst zugänglich macht und unterschiedliche Bühnenkontexte erfahrbar werden lässt.
Märkte lassen sich analysieren, Touren planen, Strategien ausarbeiten. Aber in dem Moment, in dem das Licht angeht, geht es nur noch um den Moment zwischen Künstler:in und dem Publikum.
Die Strukturförderung zielt auf nachhaltige Rahmenbedingungen für die Musikszene ab. Was braucht es aus Deiner Sicht, damit Livekultur – von Clubs bis Festivals – langfristig bestehen und sich weiterentwickeln kann?
Entscheidend ist zunächst die wirtschaftliche Stabilität der Spielstätten. Clubs und Festivals arbeiten häufig an der Grenze ihrer Tragfähigkeit, während Kosten für Produktion, Personal und Technik kontinuierlich steigen. Dadurch geraten insbesondere kleinere und mittlere Formate zunehmend unter finanziellen Druck – und damit auch die Orte, an denen neue Künstler:innen erstmals auftreten und sich entwickeln können.
Sie brauchen vor allem Planungssicherheit, die durch Förderprogramme kurzfristig gestützt werden kann. Darüber hinaus erfordert Livekultur jedoch verlässliche langfristige Rahmenbedingungen – etwa durch mehrjährige kulturpolitische Perspektiven sowie den Erhalt von Clubs, Festivals und ihren betrieblichen Strukturen.
Schließlich spielt auch der Zugang zum Publikum eine zentrale Rolle. Steigende Lebenshaltungskosten sowie eine Veränderung im Freizeit- und Musikkonsum jüngerer Generationen wirken sich direkt auf Ticketnachfrage und Auslastung aus – und damit auf die wirtschaftliche Stabilität der gesamten Livekultur.
Live-Musik hat die Kraft, Karrieren zu formen. Diese Kraft braucht einen Ort. Gerade die Pandemie hat die finanziellen Probleme der Clubs verdeutlicht. Auch wenn Ticketpreise gestiegen sind, so bleibt für die Clubs oft am wenigsten hängen.
Gibt es aktuelle Künstler:innen oder Projekte aus eurer Förderung, bei denen sich besonders gut beobachten lässt, wie sich künstlerische Entwicklung und Live-Erlebnis verbinden?
Bei vielen geförderten Acts lässt sich besonders gut beobachten, wie eng künstlerische Entwicklung und Live-Erlebnis heute verbunden sind – etwa bei Betterov, Deine Cousine, Friedberg, Hi Spencer, Ikkimel, Kapa Tult, Kabinett oder Mine. Es gibt hier endlos Beispiele.
Projekte wie diese zeigen, wie stark sich Identität über die Bühne entwickelt: vom ersten Clubauftritt bis hin zu größeren Festival- und Tourkontexten. Dabei wird sichtbar, wie Songs live neue Energie bekommen, wie das Publikum wächst und wie aus Musik Schritt für Schritt ein eigenständiges Live-Format entsteht.
Genau diese Entwicklung zeigt: Live ist heute einer der zentralen Motoren für künstlerische Reifung und nachhaltigen Karriereaufbau.
Live geht weit über die Unterhaltung hinaus. Es ist eine sich entwickelnde Kunst. Ein System, das von Interaktion lebt und jedem Abend neu erfunden wird. Live ist der wichtigste Motor für Karrieren, doch gleichzeitig basiert er auf Strukturen, die zunehmend unter Druck geraten. Deshalb ist es keine Nebensache, die Orte zu erhalten, an denen diese Momente entstehen.
Über die Initiative Musik: Die Initiative Musik ist eine gemeinnützige Projektgesellschaft zur Förderung der deutschen Musikwirtschaft. Sie unterstützt Künstler:innen, Clubs, Festivals und Exportprojekte mit Programmen wie Live 500, dem Festivalförderfonds und dem GERMAN MUSIC EXPORT.
