Die Sommersaison 2025 sollte ein Fest der Live-Musik werden. Stattdessen dominieren Absagemeldungen, Künstlerboykotte und Insolvenzängste die Schlagzeilen. Was über Jahrzehnte als kulturelles Fundament galt – das Musikfestival als Ort der Begegnung, Entdeckung und kollektiven Erfahrung – steht plötzlich zur Disposition. Die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache: Bereits in der ersten Jahreshälfte mussten über vierzig Events ihre Pforten schließen oder den Betrieb einstellen.
Anatomie einer Branchenkrise
Die Gründe für das Festivalsterben sind vielschichtig und verstärken sich gegenseitig. Wo früher ein einzelner Faktor kompensiert werden konnte, entsteht heute eine toxische Mischung aus verschiedenen Problemfeldern.
Ökonomische Zermürbung
Steigende Produktionskosten treffen auf volatile Ticketverkäufe – eine Kombination, die selbst etablierte Namen in existenzielle Schwierigkeiten bringt. Was bei kleineren Independent-Veranstaltungen beginnt, macht auch vor Marktführern nicht halt. Selbst Coachella, jahrzehntelang Synonym für garantierte Ausverkäufe innerhalb weniger Stunden, sah sich zwei Jahre in Folge mit monatelang verfügbaren Tickets konfrontiert.
Der finanzielle Druck manifestiert sich auf allen Ebenen: Von Bühnenaufbau über Künstlergagen bis zu Sicherheitsinfrastruktur – nichts wird günstiger, während gleichzeitig die Zahlungsbereitschaft des Publikums an Grenzen stößt. In Großbritannien führte diese Entwicklung bereits 2024 zu über fünfzig Absagen oder permanenten Schließungen, darunter traditionsreiche Namen mit jahrzehntelanger Geschichte.
Der Paradigmenwechsel im Konsumverhalten
Ein fundamentaler Wandel vollzieht sich im Publikumsverhalten. Stadium-Touren einzelner Künstler entwickeln sich zum bevorzugten Format – Fans investieren ihr Budget lieber in kuratierte Solo-Erlebnisse als in breit aufgestellte Festival-Lineups. Diese Entwicklung ist nicht nur ökonomisch, sondern auch psychologisch begründet: Wer die Kontrolle über sein Erlebnis maximieren möchte, bucht gezielt die präferierten Acts statt sich dem Zufallsprinzip eines Festival-Wochendes auszusetzen.
Hinzu kommt ein Phänomen, das die Branche als „Lineup-Erschöpfung“ bezeichnet. Dieselben Headliner rotieren durch verschiedene Festivals, verwandeln einst distinkte Events in austauschbare Formate. Wer Tyler, the Creator sowohl bei Bonnaroo als auch Lollapalooza sieht, erlebt keine zwei verschiedene Festivals, sondern zweimal dasselbe Konzert an unterschiedlichen Orten.
Wenn politische Realität die Festivalbühne erreicht
Parallel zur wirtschaftlichen Krise erschüttert ein Investorenskandal die europäische Festivallandschaft. Der US-Finanzriese KKR, der das Festivalimperium Superstruct Entertainment für 1,3 Milliarden Euro übernahm, geriet massiv unter Beschuss wegen Beteiligungen an israelischen Technologiefirmen und Waffenherstellern.
Die Konsequenzen waren unmittelbar und weitreichend. Dutzende prominente Künstler – darunter Brian Eno und Robert Del Naja von Massive Attack – distanzierten sich öffentlich und sagten Auftritte ab. Was als politische Positionierung einzelner Akteure begann, entwickelte sich zu einer Bewegung, die Festivals wie Field Day, Mighty Hoopla, Sónar und Lost Village zu ausführlichen Stellungnahmen zwang.
Die betroffenen Veranstalter befinden sich in einer Zwickmühle: Sie betonen ihre kreative Unabhängigkeit und fehlende Kontrolle über Investorenentscheidungen, können sich aber nicht vollständig von der Eigentümerstruktur lösen. Mighty Hoopla formulierte explizit: „Wir können Vereinbarungen in unseren Muttergesellschaften nicht kontrollieren, möchten aber unsere klare Opposition gegen KKRs unethische Investitionen zum Ausdruck bringen“.
Konkrete Verluste: Wenn Namen verschwinden
Die Krise bleibt nicht abstrakt. Pitchfork Music Festival, fast zwei Jahrzehnte eine Institution der Indie-Szene in Chicago, verschwand nach seiner 2024er-Ausgabe stillschweigend. Es gesellte sich zu Namen wie Firefly und Made in America, die seit 2022 nicht mehr stattfanden – ohne offizielle Verkündung eines Endes, einfach durch stilles Nicht-Fortsetzen.
Auch kurzfristige Absagen häufen sich. Das Soundside Music Festival in Connecticut wurde trotz hochkarätiger Besetzung mit The Killers, Weezer, Hozier und Vampire Weekend abgesagt – mutmaßlich wegen enttäuschender Vorverkaufszahlen. Die vage Formulierung „Umstände außerhalb unserer Kontrolle“ verschleiert die harte Wahrheit: Das Publikum blieb aus.
Hier eine Liste der Absagen 2025.
Erosion des Entdeckungscharakters
Was Festivals historisch auszeichnete, war ihr kuratorischer Wert. Blake Atchison, Mitbegründer des Nashville Deep Tropics Festival, formulierte gegenüber CNN die Essenz: Die Möglichkeit, über unbekannte Bands oder DJs zu stolpern und eine lebenslange musikalische Liebe zu entdecken. Dieser Zauber verblasst zunehmend.
Langjährige Besucher diagnostizieren Überkommerzialisierung als Wurzel des Problems. Perry Farrell, Schöpfer von Lollapalooza, gestand bereits 2016 gegenüber der Chicago Tribune, manchmal bei seinem eigenen Festival zusammenzuzucken – eine Folge des Mainstreamisierungsdrucks nach Übernahme durch Live Nation. Die Kanten sind abgeschliffen, die Underground-Atmosphäre verschwunden, der kalkulierte Massengeschmack dominiert.
Gegenmodelle und Innovation
Interessanterweise floriert Live-Musik parallel zur Festival-Krise. Die Konzertbesucherzahlen steigen trotz erhöhter Preise. Dies deutet nicht auf fehlendes Interesse an Live-Erlebnissen hin, sondern auf strukturelle Probleme des Festival-Formats.
Manche Künstler umgehen das System komplett: Bands wie The All-American Rejects buchen House-Party-Touren – Auftritte in Hinterhöfen, auf College-Campus oder Bowling-Bahnen. Die Intimität, Authentizität und Social-Media-Resonanz dieser Shows atmen neues Leben in Live-Musik ein und lassen traditionelle Festivals antiquiert erscheinen.
Nachhaltigkeit als Differenzierungsmerkmal
Ein Hoffnungsschimmer zeigt sich im Bereich Nachhaltigkeit. Events wie Outside Lands integrieren zunehmend Solarenergie, erneuerbare Brennstoffe, wiederverwertbare Materialien und pflanzenbasierte Gastronomie. Was zunächst als Marketing-Gimmick erscheinen mag, entwickelt sich zum entscheidenden Faktor für umweltbewusste Zielgruppen.
Die Frage ist, ob solche Bemühungen ausreichen, um das Grundproblem zu adressieren: Festivals haben aufgehört zu innovieren. Sie verloren den Mut zum Risiko, die Bereitschaft zur Überraschung, die Verbindung zu subkulturellen Wurzeln.
Ausblick: Evolution oder Extinktion?
Die Festivalbranche steht an einem Wendepunkt. Die aktuellen Herausforderungen – wirtschaftlicher Druck, verändertes Konsumverhalten, politische Kontroversen und Sättigungseffekte – lassen sich nicht durch kosmetische Anpassungen lösen.
Ökonom Will Page analysierte die britische Festivallandschaft und konstatierte: Die Branche muss Musikfestivals neu denken. Diese Neukonzeption erfordert mehr als Preisanpassungen oder Line-up-Optimierungen. Es geht um die fundamentale Frage, welchen Wert Festivals in einer Welt bieten können, in der Zugang zu Musik ubiquitär ist und alternative Live-Formate prosperieren.
Die kommenden Jahre werden zeigen, ob sich das Festival als Kulturformat neu erfinden kann – oder ob wir den allmählichen Niedergang einer einst revolutionären Institution beobachten. Die Sziget-Krise in Budapest ist dabei möglicherweise symptomatischer als zunächst erkennbar: ein Vorbote für systemische Probleme, die weit über einzelne Veranstaltungen hinausreichen.






