Festival abgesagt: Rechte auf Erstattung und Entschädigung

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Festivalabsagen häufen sich 2025 dramatisch. Deutsche Verbraucher haben jedoch starke Rechte auf vollständige Ticketerstattung – unabhängig vom Absagegrund. Ein Überblick über die aktuelle Rechtslage.

Rekordjahr der Festivalabsagen: Über 40 Events bereits gestrichen

Das Jahr 2025 entwickelt sich zu einem schwarzen Jahr für die Festivalbranche. Bereits über 40 internationale Musikfestivals wurden abgesagt, darunter etablierte Veranstaltungen wie das traditionsreiche Pitchfork Music Festival in Chicago nach 19 erfolgreichen Jahren. Auch Deutschland bleibt nicht verschont: Das Elbjazz Hamburg und das Metal-Festival Full Force stehen auf der wachsenden Liste abgesagter Events.

Die Gründe für diese Absagewelle sind vielfältig. Explodierende Produktionskosten, die seit 2014 um 55 Prozent gestiegen sind, treffen auf rückläufige Ticketverkäufe und eine zunehmende Preissensibilität des Publikums. Gleichzeitig kämpft die Branche mit über 350 Festivals allein in Deutschland gegen eine Marktübersättigung an.

Wetterbedingte Absagen durch Starkregen, Gewitter oder Sturm verschärfen die Situation zusätzlich. Rock am Ring musste bereits mehrfach aufgrund von Unwettern unterbrochen werden, während das Wacken Open Air 2023 zeitweise im Schlamm versank.

Deutsche Rechtslage bietet umfassenden Verbraucherschutz

Das deutsche Bürgerliche Gesetzbuch stellt Festivalbesucher bei Absagen gut. Paragraph 323 BGB gewährt bei kompletten Festivalabsagen ein sofortiges Rücktrittsrecht ohne vorherige Fristsetzung. Die Paragraphen 346 ff. BGB regeln anschließend die vollständige Rückabwicklung des Ticketkaufs.

Bei kompletten Absagen erhalten Käufer den gesamten Ticketpreis inklusive aller Vorverkaufsgebühren zurück. Selbst bei Teilausfällen oder vorzeitigen Abbrüchen besteht ein Anspruch auf anteilige Erstattung, die sich proportional nach der ausgefallenen Zeit berechnet.

Das Landgericht Hamburg stellte 2022 in einem wegweisenden Urteil fest, dass mehrtägige Festivals als „absolute Fixgeschäfte“ gelten. Bei über 100 Künstlern sei eine identische Wiederholung bei Verschiebungen praktisch unmöglich, weshalb Verbraucher stärkere Rücktrittsrechte haben als bei eintägigen Events.

BGH stärkt Verbraucherrechte bei Ticketerstattung

Der Bundesgerichtshof hat 2022 die Rechtslage bei Festivalabsagen grundlegend geklärt. In den Urteilen VIII ZR 329/21 und VIII ZR 317/21 entschied das höchste deutsche Zivilgericht, dass Ticketportale wie Eventim als Kommissionäre fungieren und grundsätzlich nicht für die Veranstaltungsdurchführung haften.

Das Landgericht München I stellte parallel fest, dass pauschale Ausschlüsse der Vorverkaufsgebühren-Erstattung bei Eventim unwirksam sind. Die intransparente Gebührenhöhe und unzumutbare Risikoabwälzung auf Kunden verstoße gegen Paragraph 307 BGB. Trotz dieser Gerichtsurteile behält Eventim weiterhin Gebühren ein, weshalb eine Musterfeststellungsklage des Verbraucherzentrale Bundesverbands läuft.

Höhere Gewalt befreit nicht von Rückzahlungspflicht

Ein weit verbreiteter Irrtum besagt, dass Veranstalter bei höherer Gewalt keine Tickets erstatten müssen. Das deutsche Recht sieht das anders: Auch bei Unwettern, Pandemie-Maßnahmen oder behördlichen Verboten besteht der Anspruch auf vollständige Ticketerstattung.

Der Unterschied liegt im Schadensersatz. Bei höherer Gewalt wie Starkregen, Gewitter oder Corona-Maßnahmen trifft den Veranstalter kein Verschulden. Besucher erhalten zwar ihre Tickets erstattet, haben aber keinen Anspruch auf Ersatz von Folgekosten wie Hotel- oder Anreisekosten.

Anders verhält es sich bei organisatorischen Problemen des Veranstalters. Insolvenz durch schlechte Wirtschaftsführung, Logistikprobleme durch mangelhafte Planung oder unzureichende Sicherheitsvorkehrungen fallen in den Verantwortungsbereich der Organisatoren. Hier können neben der Ticketerstattung auch Schadensersatzansprüche für entstandene Folgeschäden geltend gemacht werden.

Praktisches Vorgehen bei Festivalabsagen

Nach einer Festivalabsage sollten Betroffene schnell handeln. Die Dokumentation aller relevanten Unterlagen steht an erster Stelle. Dazu gehören das Original-Ticket, Kaufbelege, Screenshots der Absage-Mitteilung und alle E-Mails des Veranstalters. Bei möglichen Schadensersatzansprüchen sind zusätzlich Hotel-Buchungsbestätigungen, Anreisekosten und Verpflegungsaufwendungen zu sammeln.

Der richtige Ansprechpartner für Erstattungen ist grundsätzlich der Veranstalter, nicht die Vorverkaufsstelle. Bei Eventim-Käufen lohnt sich dennoch der direkte Kontakt, da das Unternehmen oft die Rückabwicklung übernimmt. Die schriftliche Erstattungsforderung sollte eine Frist von 14 Tagen enthalten und per Einschreiben mit Rückschein versandt werden.

Die Verbraucherzentrale Deutschland bietet kostenlose Beratung und stellt Musterbriefe für verschiedene Situationen bereit. Ein interaktives Online-Tool erstellt automatisch passende Schreiben nach individueller Fallprüfung.

Ticketversicherungen bieten keinen Schutz bei Veranstalterabsagen

Ticketversicherungen werden oft als Allheilmittel beworben, decken aber gerade das Hauptrisiko nicht ab. Veranstalterabsagen jeder Art, wetterbedingte Absagen, Pandemien und Künstlerausfälle sind explizit ausgeschlossen. Die Versicherungen greifen nur bei persönlicher Verhinderung durch Krankheit, Unfall oder erhebliche Sachschäden.

Bei Kosten zwischen 1,80 und 33 Euro je nach Ticketwert ist die Versicherung meist überflüssig. Der Weiterverkauf von Tickets zum Originalpreis ist rechtlich zulässig und oft praktikabler als eine Versicherung. Lediglich bei personalisierten Tickets über 200 Euro und bekannten gesundheitlichen Risiken kann eine Versicherung sinnvoll sein.

Entwicklung der Festivalbranche unter Kostendruck

Die aktuelle Absagewelle spiegelt strukturelle Probleme der Festivalbranche wider. Neben den gestiegenen Produktionskosten haben sich auch die Publikumserwartungen gewandelt. Besucher verlangen heute mehr als nur Musik – von Glamping-Optionen über gastronomische Vielfalt bis hin zu Instagram-tauglichen Installationen.

Gleichzeitig zögern viele Veranstalter, die Ticketpreise weiter drastisch zu erhöhen. Nach kontinuierlichen Preissteigerungen bis Mitte der 2010er Jahre spüren sie eine wachsende Preissensibilität des Publikums. Diese Schere zwischen steigenden Kosten und stagnierender Zahlungsbereitschaft führt zu einem gefährlichen Spagat.

Große Festivals wie das Sick New World in Las Vegas demonstrieren das Dilemma: Trotz namhafter Headliner wie Metallica wurde nur ein Drittel der 60.000 verfügbaren Tickets verkauft. Bei Eintrittspreisen von 470 bis 1.900 US-Dollar blieb das Publikum aus, was eine kostendeckende Durchführung unmöglich machte.

Rechtsprechung entwickelt sich verbraucherfreundlich

Die deutsche Rechtsprechung zeigt eine klare Tendenz zur Stärkung von Verbraucherrechten. Pauschale Haftungsausschlüsse in AGB werden zunehmend als unwirksam eingestuft, während die Gerichte eine kritische Prüfung von Zusatzgebühren vornehmen.

Das Oberlandesgericht München bestätigte 2022 die Entscheidung der Vorinstanz gegen Eventim und stärkte damit die Position der Ticketkäufer erheblich. Intransparente Geschäftspraktiken und die Abwälzung unternehmerischer Risiken auf Verbraucher finden vor Gericht wenig Verständnis.

Auch bei Verschiebungen zeigen die Gerichte Verständnis für die besonderen Belange von Festivalbesuchern. Die lange Planungszeit, die Komplexität mehrtägiger Events und die Unmöglichkeit identischer Wiederholungen führen zu stärkeren Verbraucherrechten als bei anderen Veranstaltungsformen.

Verjährungsfristen und praktische Tipps

Erstattungsansprüche verjähren nach drei Jahren ab Ende des Kalenderjahres der Absage. Wer 2025 von einer Festivalabsage betroffen ist, hat also bis Ende 2028 Zeit, seine Ansprüche geltend zu machen. Bei komplexeren Schadensersatzforderungen empfiehlt sich jedoch schnelles Handeln, da Beweise mit der Zeit schwerer zu beschaffen sind.

Übliche Erstattungsfristen variieren je nach Anbieter. Eventim gewährt sich bis zu 60 Tage, Ticketmaster benötigt meist 30 bis 60 Tage, während kleinere Anbieter oft schneller reagieren. Bei Überschreitung dieser Fristen sollte eine Mahnung mit erneuter Fristsetzung verschickt werden.

Die Verbraucherzentralen der Länder bieten neben der Beratung auch Musterfeststellungsklagen an. Diese kollektiven Verfahren können für Einzelpersonen kostengünstiger sein als individuelle Klagen und haben oft größere Erfolgsaussichten.

Ausblick: Festival-Regen und Gewitter als wachsendes Problem

Klimawandel und extreme Wetterereignisse stellen die Festivalbranche vor neue Herausforderungen. Starkregen, heftige Gewitter und Stürme führen immer häufiger zu kurzfristigen Absagen oder Unterbrechungen. Das Wacken Open Air 2023 wurde zum Symbol für die Auswirkungen des Klimawandels auf Open-Air-Veranstaltungen.

Veranstalter investieren zunehmend in Wetterprognosen und Notfallpläne. Moderne Festivalbühnen sind oft sicher konstruiert. Dennoch bleibt die Sicherheit der Besucher oberste Priorität, was zu mehr präventiven Absagen führt.

Rechtlich gelten wetterbedingte Absagen als höhere Gewalt. Besucher erhalten ihre Tickets erstattet, müssen aber Folgekosten selbst tragen. Eine umfassende Reiseversicherung kann hier sinnvoller sein als eine spezielle Ticketversicherung.

Starke Verbraucherrechte erfordern aktives Handeln

Deutsche Festivalbesucher genießen im internationalen Vergleich starke Rechte bei Veranstaltungsabsagen. Der Anspruch auf vollständige Ticketerstattung besteht unabhängig vom Grund der Absage, auch höhere Gewalt befreit Veranstalter nicht von der Rückzahlungspflicht.

Die aktuelle Rechtsprechung entwickelt sich kontinuierlich zugunsten der Verbraucher. Pauschale AGB-Klauseln haben vor Gericht wenig Bestand, während intransparente Geschäftspraktiken zunehmend sanktioniert werden.

Dennoch erfordern diese Rechte aktives Handeln der Betroffenen. Schnelle Dokumentation, schriftliche Forderungen und professionelle Unterstützung durch Verbraucherzentralen sind entscheidend für den Erfolg. Bei der aktuellen Häufung von Festivalabsagen wird dieses Wissen wichtiger denn je.

Die Entwicklung der Festivalbranche bleibt spannend. Während etablierte Events unter Kostendruck leiden, entstehen neue, nachhaltigere Formate. Verbraucher sollten sich ihrer Rechte bewusst sein und diese konsequent durchsetzen – nur so kann ein fairer Ausgleich zwischen den Interessen aller Beteiligten gelingen.


Dieser Artikel dient der allgemeinen Information und ersetzt keine individuelle Rechtsberatung. Bei komplexen Rechtsfragen sollte fachkundiger Rat eingeholt werden.

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