Es war einmal die Vorstellung von Freiheit. Von Musik unter freiem Himmel, von drei Tagen Auszeit aus dem Alltag, von der Möglichkeit, neue Bands zu entdecken und Teil einer Gemeinschaft zu sein, die nur für ein Wochenende existiert. Festivals waren Orte der Rebellion, der Subkultur, der kollektiven Euphorie. Heute sind sie überteuerte Massenveranstaltungen, bei denen das Geschäft die Seele längst aufgefressen hat.
Coachella – einst das ultimative Symbol für Coolness und musikalische Avantgarde – verkauft seine Tickets mittlerweile monatelang, statt wie früher in Minuten ausverkauft zu sein. Das ist kein Zufall. Es ist das Symptom einer Branche, die vergessen hat, wofür sie eigentlich existiert: für die Musik, für die Fans, für das Erlebnis. Stattdessen regiert die Gier.
Die Preisspirale: Festivals als Luxusgut der Elite
Ein Festivalticket kostet heute das, was früher ein Monatsgehalt war – und das ist nur der Anfang. Bei großen europäischen und amerikanischen Festivals liegt der Eintritt mittlerweile bei 400 bis 600 Euro für drei Tage. Ohne Camping. Ohne Verpflegung. Ohne auch nur einen Schluck Wasser.
Die Zusatzkosten sind der eigentliche Skandal. Ein Campingplatz? Nochmal 150 Euro. Parkgebühren? 40 Euro. Ein Schließfach für die Wertsachen? 25 Euro pro Tag. Duschen? In manchen Festivals ein Premium-Service für 10 Euro. Handyladestationen? Kostenpflichtig. Trinkwasser aus dem Hahn? Oft versteckt oder rationiert, während 0,5 Liter Flaschenwasser für 5 Euro verkauft wird.
Essen auf dem Festivalgelände hat längst Restaurant-Niveau erreicht – preislich, nicht qualitativ. 15 Euro für einen Burger, 12 Euro für Pommes, 8 Euro für einen Kaffee. Nach einem Wochenende hat man locker 800 bis 1.000 Euro ausgegeben. Pro Person. Für ein Erlebnis, das früher als zugänglich und inklusiv galt.
Die Konsequenz: Festivals sind zu Veranstaltungen für Privilegierte geworden. Wer unter 30 ist, nicht aus wohlhabendem Haus kommt oder keine gut bezahlte Vollzeitstelle hat, kann sich diese Preise schlicht nicht leisten. Die Generation, die Festivals eigentlich am Leben erhalten sollte, wird systematisch ausgeschlossen. Was bleibt, sind ältere Semester mit Kaufkraft und Influencer, die gesponsert werden. Die authentische Festival-Community? Längst verdrängt.
Investoren-Roulette: Wenn Musik zur Asset-Klasse wird
Hinter dieser Preisentwicklung steckt System. Festivals sind längst keine Passion-Projekte von Musikliebhabern mehr, sondern Assets in den Portfolios internationaler Private-Equity-Firmen. KKR kauft Superstruct für 1,3 Milliarden Euro. Live Nation kontrolliert einen Großteil des nordamerikanischen Marktes. AEG dominiert mit Coachella und Dutzenden anderen Events.
Diese Konzerne haben ein Ziel: Return on Investment. Zweistellige Renditen. Exit-Strategien nach fünf Jahren mit maximalem Gewinn. Festivals werden durchoptimiert wie Fabriken. Jeder Quadratmeter Gelände wird monetarisiert. Jede Interaktion zur Umsatzgelegenheit. Die Musik? Ein austauschbares Produkt. Die Besucher? Eine zu melkende Ressource.
Die Zahlen sind obszön. Während Veranstalter über steigende Kosten klagen, schütten Mutterkonzerne Dividenden in Millionenhöhe aus. Die Gewinne verschwinden nicht in bessere Infrastruktur oder faire Arbeitsbedingungen für das Personal – sie landen auf Offshore-Konten und in den Boni der Vorstände.
Das Perfide: Diese Investoren haben keinerlei emotionale Bindung an die Festivals. Wenn die Rendite nicht stimmt, wird verkauft oder geschlossen. Tradition? Irrelevant. Kulturelle Bedeutung? Nebensache. Shareholder Value ist das einzige, was zählt.
Die Gagen-Explosion: Wenn Stars zu Preistreibern werden
Doch es wäre zu einfach, allein die Investoren zu verteufeln. Auch die Künstler selbst tragen Verantwortung für die Preisexplosion. Top-Acts verlangen heute Gagen, die an Erpressung grenzen. Zwei Millionen Euro für 90 Minuten sind keine Seltenheit mehr bei absoluten Headlinern. Selbst Mittelklasse-Bands fordern sechsstellige Summen.
Diese Gagen-Inflation hat mehrere Effekte. Erstens: Sie treibt die Ticketpreise weiter nach oben, weil sich das irgendwie refinanzieren muss. Zweitens: Sie führt zu langweiligen, risikolosen Line-ups. Festivals buchen nur noch Namen, die garantiert ziehen, weil man sich Experimente nicht mehr leisten kann. Deshalb sieht man dieselben zwanzig Acts auf allen großen Festivals rotieren.
Drittens – und das ist vielleicht am schlimmsten: Sie tötet die Vielfalt. Kleine, unbekannte Bands haben keine Chance mehr, weil das gesamte Budget für drei Headliner draufgeht. Die Entdeckungskultur, die Festivals einst auszeichnete, stirbt an der Gier der Etablierten.
Natürlich kann man argumentieren: Die Stars verdienen das Geld, sie füllen die Plätze. Aber zu welchem Preis? Wenn ein Festival-Line-up aussieht wie die Spotify-Top-50, warum sollte man dann noch hinfahren? Man kann dieselbe Musik zu Hause hören, ohne sich durch Menschenmassen zu quälen und ein Vermögen auszugeben.
Der Albtraum der Überfüllung: Wenn Menschen zu Sardinen werden
Selbst wenn man bereit ist, die astronomischen Preise zu zahlen – das Erlebnis vor Ort rechtfertigt sie längst nicht mehr. Festivals verkaufen bewusst zu viele Tickets. Die Rechnung ist zynisch: Die Infrastruktur steht sowieso, jedes weitere Ticket bedeutet fast 100% Gewinn. Also wird das Gelände vollgestopft bis zur physischen Grenze – und oft darüber hinaus.
Das Resultat ist ein Albtraum. Man steht eingekeilt zwischen tausenden Menschen, kann sich kaum bewegen, sieht die Bühne nicht, bekommt keine Luft. Bei populären Acts ist es unmöglich, auch nur in die Nähe der Bühne zu kommen. Man steht hundert Meter entfernt, sieht zwischen Köpfen hindurch auf eine LED-Wall und könnte genauso gut zu Hause auf YouTube gucken.
Die Toilettensituation wird zur Qual. Schlangen von hundert Metern Länge. Wartezeiten von 45 Minuten. Und wenn man endlich dran ist, bietet sich ein Bild des Grauens: überquellende Dixie-Klos, kein Klopapier, kein Wasser zum Händewaschen. Nach dem zweiten Tag kollabiert die Hygiene komplett.
Wasser – eigentlich ein Menschenrecht – wird rationiert oder teuer verkauft. Trinkwasserstationen gibt es theoretisch, praktisch sind sie hoffnungslos überlaufen oder schwer zu finden. Menschen dehydrieren, erleiden Kreislaufzusammenbrüche, müssen medizinisch versorgt werden. Das Deutsche Rote Kreuz behandelt auf großen Festivals regelmäßig mehrere hundert Fälle – nicht primär wegen Alkohol, sondern wegen der unmenschlichen Bedingungen.
Angst statt Euphorie: Die dunkle Seite der Masse
Was früher ein Gefühl von Freiheit war, kippt zunehmend in Angst. In dicht gedrängten Menschenmengen können Panikattacken entstehen. Wenn tausende Menschen gleichzeitig in eine Richtung drängen – etwa beim Wechsel zwischen Bühnen – wird es gefährlich. Stürze, Trampelunfälle, Platzangst.
Besonders für Frauen und vulnerable Gruppen werden überfüllte Festivals zu unsicheren Orten. Sexuelle Übergriffe nehmen zu, wenn Menschen auf engstem Raum zusammengepfercht sind und Täter in der Anonymität der Masse untertauchen können. Sicherheitspersonal ist chronisch unterbesetzt – kostet ja Geld, das man lieber als Profit einstreicht.
Notausgänge sind oft blockiert oder nicht klar gekennzeichnet. Im Ernstfall – ein Feuer, eine Massenpanik – könnte das zur Katastrophe führen. Dass bisher nicht mehr passiert ist, grenzt an ein Wunder. Oder vielmehr: Es ist schon viel passiert, wird nur nicht groß kommuniziert, weil es dem Image schadet.
Das Erlebnis, für das man bezahlt hat, besteht also zunehmend aus: Stress, Angst, körperlichem Unbehagen, dem Kampf um Grundbedürfnisse und dem verzweifelten Versuch, überhaupt etwas von der Musik mitzubekommen.
Die gestohlene Seele: Von der Community zur Kulisse
Was bleibt von der ursprünglichen Festival-Idee? Nicht viel. An die Stelle von Gemeinschaft ist Konkurrenz getreten – um die besten Plätze, um Toiletten, um Essen, um Aufmerksamkeit. Festivals sind zu Instagram-Kulissen verkommen, zu Orten, an denen man war, nicht wo man etwas erlebt hat.
Sponsoren dominieren das Bild. Kein Blick ohne Markenbotschaft. Red Bull hier, Absolut Vodka da, Samsung dort. Die Kunst wird zur Nebensache, das Marketing zur Hauptattraktion. VIP-Bereiche schaffen brutale Hierarchien: Hier die Reichen mit Bar, Toiletten und Sitzgelegenheiten. Dort die Masse, die im Schlamm steht.
Die Musik selbst? Oft so laut und schlecht abgemischt, dass sie zur Geräuschkulisse verkommt. Soundchecks werden gespart, technisches Personal reduziert. Hauptsache, es läuft irgendwie. Die Acts hetzen von Festival zu Festival, spielen dieselbe Show hundertmal, telefonieren es ein. Wo ist die Magie, die Überraschung, das Besondere?
Selbst die sozialen Interaktionen sind korrumpiert. Niemand schaut mehr die Band an, alle filmen mit dem Handy für Stories. Gespräche? Unmöglich bei 110 Dezibel und dicht gedrängter Menge. Das Zeltlager, früher Ort des Kennenlernens, ist heute eine anonyme Masse von 50.000 Zelten, in der sich niemand kennt und jeder nur pennen will.
Es reicht langsam. Das ist nicht mehr schön.
Das ist der Satz, den immer mehr Festival-Veteranen aussprechen. Die, die dabei waren, als es noch anders war. Als ein Festival 80 Euro kostete und drei Tage pures Glück bedeutete. Als man neue Bands entdeckte, Freunde fürs Leben fand, sich frei fühlte.
Diese Zeit ist vorbei. Festivals haben sich selbst zerstört durch Gier, durch Kommerzialisierung, durch die Unterwerfung unter Quartalszahlen und Gewinnmargen. Sie haben vergessen, dass Kultur keine Ware ist, dass Erlebnisse keine Widgets sind, dass Menschen keine Umsatztreiber sind.
Die Ironie: Diese Entwicklung ist nicht nachhaltig, auch nicht im ökonomischen Sinn. Die Rechnung geht nicht auf. Coachella verkauft nicht mehr aus. Dutzende Festivals mussten bereits schließen. Das Publikum wendet sich ab – nicht weil es keine Live-Musik mehr will, sondern weil das Preis-Leistungs-Verhältnis grotesk geworden ist.
Wer heute auf ein großes Festival geht, macht das oft nicht mehr aus Begeisterung, sondern aus FOMO – der Angst, etwas zu verpassen. Man macht Fotos für Instagram, checkt ab, dass man dabei war, und geht frustriert nach Hause. Das ist kein Erlebnis. Das ist Konsumzwang.
Was jetzt?
Die Festivalindustrie steht am Scheideweg. Entweder sie besinnt sich auf ihre Wurzeln – faire Preise, überschaubare Besucherzahlen, kuratorische Qualität, echte Community – oder sie wird sich zu Tode optimieren. Die ersten Signale sind deutlich: Menschen gehen lieber zu kleineren, unabhängigen Festivals oder zu Clubkonzerten. Sie wählen Qualität über Quantität, Intimität über Instagram-Moment.
Die großen Player könnten noch umsteuern. Ticketpreise deckeln. Besucherzahlen reduzieren. In Infrastruktur und Erlebnis investieren statt in Dividenden. Vielfältige Line-ups statt immer derselben Cash-Cows. Aber dafür müssten sie akzeptieren, dass Festivals keine Gelddruckmaschinen sind, sondern kulturelle Veranstaltungen mit gesellschaftlichem Wert.
Die Wahrscheinlichkeit? Gering. Zu tief sitzen die Strukturen, zu groß ist die Macht der Konzerne, zu verlockend sind die Profite – solange sie noch fließen. Also wird es weitergehen, bis auch der letzte Fan nicht mehr mitmacht. Bis Coachella nicht nur monatelang Tickets hat, sondern gar nicht mehr stattfindet.
Dann wird man sich erinnern: Es gab mal eine Zeit, da waren Festivals magisch. Bevor die Gier alles auffraß.






