In einigen Ländern häufen sich die Absagen von Festivals. Droht der Branche erneut ein Problem, nachdem durch das Ende der Pandemie ein Aufschwung kam?
Tatsächlich steigen seit 2024 die Absagen renommierter Musikfestivals. 2025 scheint zum Wendepunkt für eine ganze Branche zu werden. Die Einstellung des traditionsreichen Pitchfork Music Festivals in Chicago ist dabei nur eines von vielen Beispielen. Auch in Europa und Asien geraten zahlreiche Veranstaltungen unter Druck.
Was zunächst wie eine Serie unglücklicher Einzelfälle wirkt, entpuppt sich bei genauerem Hinsehen als Ausdruck tieferliegender Probleme: steigende Produktionskosten, verändertes Konsumverhalten, wirtschaftlicher Druck und strukturelle Veränderungen in der Festival- und Musikindustrie. Diese Analyse beleuchtet die Hintergründe der Festivalabsagen und erklärt, warum selbst etablierte Formate in Schwierigkeiten geraten – und was das für die Zukunft der Live-Kultur bedeutet.
Festivalabsagen 2025 – Das Ende einer Ära?
Zu den prominentesten abgesagten Veranstaltungen 2025 gehört das Pitchfork Music Festival in Chicago. Nach 19 erfolgreichen Jahren verkündeten die Organisatoren, dass das Festival im Jahr 2025 nicht mehr zurückkehren wird. Als Begründung wurde die rasant veränderte Festival-Landschaft genannt, die den Fortbestand des Events erschwert. Hinter den Kulissen spielen hier auch strukturelle Faktoren eine Rolle: Der Mutterkonzern Condé Nast gliederte kurz zuvor das Pitchfork-Magazin in eine andere Marke um, was mit Mitarbeiterentlassungen und einer Neuausrichtung einherging. Dies deutet darauf hin, dass strategische Entscheidungen von Medienhäusern Festivals beeinflussen können – insbesondere wenn diese nicht mehr in das Kerngeschäft passen.
Auch andernorts mussten etablierte Festivals ihre Jubiläumsausgaben absagen oder pausieren. Ein Beispiel ist das traditionsreiche Cambridge Folk Festival in England, das 2025 (im geplanten 60. Jubiläumsjahr) ausfiel. Grund dafür waren drastisch gestiegene Kosten und zurückgehende Ticketverkäufe, wodurch das Festival 2024 verlustreich wurde. Selbst brandneue Großereignisse blieben nicht verschont: So wurde das erst 2023 gestartete Sick New World Festival in Las Vegas – trotz namhafter Headliner wie Metallica – für 2025 abgesagt. Die Veranstaltenden hatten mehr als 50 Bands aufgeboten, mussten aber feststellen, dass nur etwa ein Drittel der 60.000 verfügbaren Tickets verkauft wurde. Bei Eintrittspreisen von rund 470 US-Dollar (Standard) bis fast 1.900 US-Dollar (VIP) blieb das Publikum aus, was eine kostendeckende Durchführung unmöglich machte. Diese Fälle stehen stellvertretend für eine ganze Reihe bedeutender Festivals, die 2024 und 2025 gestrichen wurden. Allein in Großbritannien wurden 2024 über 70 Festivals abgesagt, verschoben oder ganz eingestellt – ein historischer Höchstwert. Die Häufung solcher Absagen wirft die Frage auf: Was steckt hinter dem Festivalsterben?
Wirtschaftliche Belastung: Hohe Kosten, sinkende Einnahmen
Ein zentraler Faktor sind die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen. Steigende Kosten haben die Festivalbranche unter Druck gesetzt. In Zeiten hoher Inflation sind nahezu alle Ausgabenblöcke teurer geworden: von Bühnenbau, Technik und Energie über Sicherheitspersonal und sanitäre Anlagen bis hin zu Gagen für Künstler*innen. Die Produktionskosten großer Open-Air-Events sind in den letzten Jahren regelrecht explodiert, was die ohnehin knappen Gewinnmargen der Veranstalter weiter schmälerte. Festivals sind traditionell ein risikoreiches Geschäft mit oft niedrigen Margen – viele unabhängige Festivals arbeiten kostendeckend oder sogar ehrenamtlich, ohne große Reserven. Jeder unerwartete Kostenanstieg (etwa für Logistik, Versicherung oder Personal) kann daher das finanzielle Gleichgewicht ins Wanken bringen.
Gleichzeitig sind die Einnahmen nicht im gleichen Maße gewachsen. Zwar wurden in den Boomjahren bis Mitte der 2010er die Ticketpreise kontinuierlich angehoben – einer Analyse zufolge stiegen die Preise führender Festivals zwischen 2014 und 2019 um rund 55 %, weit über der allgemeinen Inflationsrate. Doch seit der COVID-19-Pandemie zögern viele Veranstalter, die Preise weiter drastisch zu erhöhen, da sie eine sinkende Zahlungsbereitschaft des Publikums spüren. Diese Zurückhaltung bei gleichzeitiger Kostenexplosion führt zu einem gefährlichen Spagat: Die Kalkulation geht nicht mehr auf. Viele Festivals schaffen es schlicht nicht mehr, mit vertretbaren Ticketpreisen alle Ausgaben zu decken – ein Grund, warum zuletzt vermehrt Events kurz vor dem Termin abgesagt wurden, um drohende Verluste zu vermeiden. Das Sick New World in Las Vegas etwa hätte nur bei nahezu ausverkauftem Haus profitabel sein können; als sich abzeichnete, dass dies utopisch war, zogen die Organisatoren die Reißleine.
Erschwerend kommt die allgemeine Kaufzurückhaltung des Publikums hinzu. Viele potenzielle Festivalbesucher stehen unter dem Druck gestiegener Lebenshaltungskosten – von höheren Mieten über Energiekosten bis zu teurerem Alltagskonsum. In solch einem Umfeld gelten mehrtägige Festivals mit teuren Tickets, Anreise, Übernachtung, Verpflegung und Merchandise für viele nicht mehr als selbstverständlich, sondern als Luxusausgabe. Verbraucher*innen sparen an Freizeit und Vergnügen: Ähnlich wie Flugreisen, Freizeitparks oder Hotels verzeichnen auch Musikfestivals einen Nachfragerückgang, da die Menschen ihre Budgets straffer kalkulieren. Diese „Cost-of-Living“-Krise trifft insbesondere die jungen Erwachsenen, die traditionell das Kernpublikum vieler Festivals stellen.
Verändertes Publikum: Selektiver, sparsamer, digitaler
Das Publikum hat in den letzten Jahren nicht nur weniger Geld zur Verfügung, sondern zeigt teils auch ein verändertes Verhalten in der Freizeitgestaltung. Qualität vor Quantität scheint die Devise zu sein: Viele Fans besuchen weniger Veranstaltungen und wählen gezielter aus, welche Konzerte oder Festivals sie sich gönnen. Statt im Sommer jedes Wochenende auf einem anderen Festival zu verbringen, konzentrieren sich viele auf wenige Highlights, die ihnen wirklich wichtig sind. Oft sind dies die ganz großen Events oder Tourneen von Superstar-Acts. Branchenbeobachter stellen fest, dass sich der Live-Markt zu einem „Winner-takes-all“-Spiel entwickelt: Die größten Events und Top-Künstler ziehen weiterhin Massen – während mittelgroße Festivals und Konzerte Mühe haben, genug Tickets abzusetzen. So verzeichneten Mega-Festivals wie Coachella in Kalifornien zwar noch sechsstellige Besucherzahlen, aber eben keinen Zuwachs mehr, sondern eine Stagnation bzw. leichten Rückgang. Parallel dazu blieben 2024 erstmals Konzerte bekannter Acts wie The Black Keys oder Jennifer Lopez mangels Ticketabsatz hinter den Erwartungen zurück und wurden teilweise abgesagt. Die zahlungskräftigen Fans scheinen ihr begrenztes Budget vor allem für absolute Top-Acts (etwa Taylor Swift oder Beyoncé) zu reservieren, anstatt für mehrere kleinere Festivals.
Zudem zeichnet sich möglicherweise ein kultureller Generationenwandel ab. Während für viele Millennials Musikfestivals in den 2000er- und 2010er-Jahren ein fester Bestandteil der Jugendkultur waren, zeigen heutige junge Erwachsene (Generation Z) teils weniger Enthusiasmus für das klassische mehrtägige Festivalerlebnis. Gründe dafür könnten veränderte Freizeitpräferenzen und Wertvorstellungen sein – aber auch digitale Alternativen. Technologische Veränderungen im Musikkonsum spielen eine Rolle: Musik und Festivals werden heute online intensiv erlebt. Über Livestreams, soziale Medien und Streaming-Dienste können Fans ihren Lieblingsacts nahe sein, ohne vor Ort zu sein. Neue Künstler*innen entdecken viele junge Hörer eher via Spotify, TikTok oder YouTube als auf Nebenbühnen eines Festivals. Die FOMO („fear of missing out“), die früher Tausende in abgelegene Festivalwiesen lockte, wenn eine angesagte Band spielte, ist geringer, da Inhalte jederzeit digital verfügbar sind. All das führt dazu, dass Festivals härter um die Gunst – und das Geld – des Publikums kämpfen müssen.
Allerdings reagieren Fans, die weiterhin leidenschaftlich Festivals besuchen wollen, ebenfalls auf die neuen Umstände. Viele passen ihr Konsumverhalten an, um sich Festivals noch leisten zu können. Zum Beispiel boomen Ratenzahlungsmodelle für Tickets: Zahlreiche Veranstalter bieten inzwischen Teilzahlung über mehrere Monate an, was 2023/24 um fast 50 % häufiger genutzt wurde als vor der Pandemie. Frühe „Early-Bird“-Tickets zu rabattierten Preisen werden verstärkt nachgefragt, und manch ein Fan nimmt heutzutage einen Nebenjob an oder meldet sich als Helfer*in, nur um sich den Festivalbesuch finanzieren zu können. Diese Entwicklungen zeigen, dass das Publikum weiterhin großes Interesse an Live-Musik hat, aber Wege sucht, den erhöhten Kosten und der Fülle an Angeboten Herr zu werden.
Veränderungen in der Musik- und Festivalindustrie
Neben den wirtschaftlichen und kulturellen Aspekten gibt es strukturelle Veränderungen in der Festivalbranche, die zum aktuellen Umbruch beitragen. In den 2010er-Jahren erlebte die Festival-Landschaft einen regelrechten Boom – es schien, als sprießten ständig neue Events aus dem Boden. Große Festivals expandierten (Coachella etwa verdoppelte seine Wochenenden), und speziell in Europa und Nordamerika entstanden zahlreiche Nischenfestivals für jedes Genre und jede Szene. Einige Fachleute warnten schon damals vor einer möglichen Übersättigung des Marktes. Diese Überhitzung zeigt sich nun deutlich: Eine Festival-Blase scheint zu platzen, da das Angebot an Events die Zahlungsbereitschaft der Fans überstiegen hat. Zu viele Festivals konkurrieren um dieselben Zeitfenster, Künstler und Kund*innen. In wirtschaftlich schweren Zeiten überleben vor allem die Marktführer, während kleinere und neue Festivals es schwer haben.
Hinzu kommt die Konzentration der Veranstalter: Zwei US-Konzerne – Live Nation und AEG Presents – beherrschen inzwischen einen Großteil des globalen Festivalmarkts. Ihnen gehören oder sie organisieren viele der berühmtesten Festivals (von Lollapalooza über Bonnaroo bis Rock am Ring). Durch diese Marktmacht fließen erhebliche Ressourcen in die großen Events, was ihnen in Krisenzeiten zugutekommt. Allerdings geht damit oft eine Angleichung der Programme einher: Kritiker bemängeln, dass die von Live Nation oder AEG kuratierten Line-ups sich stark auf massenkompatible Pop-, Rock- und EDM-Headliner stützen und der ursprüngliche Spirit mancher Festivals darunter leidet. Ehemals unabhängige Festivals mit speziellem Profil werden so zu ähnlichen, austauschbaren Großevents, was treue Szenegänger eher abschrecken könnte. Gleichzeitig können es unabhängige Nischenfestivals ohne Konzernrückenwind schwer haben, genug Sponsoren und Tickets zu generieren, um zu überleben.
Ein weiterer Trend in der Live-Musik ist die Dominanz einzelner Mega-Tourneen. Superstar-Künstler wie Taylor Swift, Beyoncé oder Bad Bunny füllen weltweit Stadien und erzielen Rekordeinnahmen. Diese Solo-Tourneen können für Künstler finanziell attraktiver sein als Festivalgigs, bei denen Gagen gedeckelt sind. Zudem binden solche Touren das Fanbudget: Wer bereits mehrere hundert Euro für ein Stadionkonzert seines Idols ausgegeben hat, spart womöglich an Festivalbesuchen. Festivalveranstalter stehen dadurch vor der Herausforderung, Top-Acts überhaupt zu bekommen – oder sie müssen astronomische Gagen bieten, wie das Beispiel Sick New World zeigte (je 5 Mio. $ Gage für zwei Headliner). Hochkarätige Acts anzulocken wird schwieriger und teurer. Viele Festivals reagieren mit vorsichtigeren Buchungen, setzen lieber auf bewährte Künstler statt auf Experimentelles – was jedoch wiederum das Alleinstellungsmerkmal verwässert. Es entsteht ein Teufelskreis aus finanzieller Vorsicht und vermindertem Reiz für das Publikum.
Dennoch gibt es auch Anpassungsstrategien innerhalb der Branche. Einige Veranstalter verlegen sich auf Innovation im Konzept, um neue Publikumsschichten anzusprechen: Kleinere Boutique-Festivals setzen verstärkt auf Nachhaltigkeit, Wellness-Angebote oder besondere Erlebnisse abseits der Musik. Solche besonderen Profile sollen die Besucherbindung erhöhen und dem allgemeinen Rückgang entgegenwirken. Zudem planen manche etablierte Festivals bewusste „Fallow Years“ (Brachjahre), in denen sie pausieren, um sich neu aufzustellen – in der Hoffnung, danach gestärkt zurückzukehren. Das Cambridge Folk Festival etwa soll 2026 wiederkehren, nachdem 2025 zur Neuorientierung genutzt wird. Branchenverbände fordern unterdessen politische Unterstützung, etwa durch Kulturfördermittel oder Entlastungen bei den Sicherheitsauflagen, um das strukturelle Überleben vielfältiger Festivals zu sichern.
Rolle von Medienunternehmen und Veranstaltern
Die Entwicklungen der letzten Zeit haben auch gezeigt, welchen Einfluss die Ausrichter und ihre Mutterunternehmen auf das Schicksal von Festivals haben. Im Fall des Pitchfork Festivals spielte der medienunternehmerische Hintergrund eine wesentliche Rolle. Pitchfork wird von Condé Nast, einem großen Verlagshaus, betrieben. Als dieses 2024 eine strategische Neuausrichtung vornahm – das Online-Musikmagazin Pitchfork wurde in die Lifestyle-Marke GQ integriert – standen offenbar auch die Kosten und der Nutzen des dazugehörigen Festivals auf dem Prüfstand. Das Ergebnis war die Einstellung des Festivals in Chicago. Hier wird deutlich: Medienkonzerne fokussieren ihr Kerngeschäft, und ein Festival, das nicht ausreichend Gewinn abwirft oder zur Markenstrategie passt, kann schnell als verzichtbar gelten. Ähnliches gilt für von Künstlern initiierte Festivals: Wenn der Hauptinitiator sich zurückzieht oder andere Prioritäten setzt, fehlt oft der Rückhalt – wie beim Dreamville Festival des Rappers J. Cole, das 2025 letztmals stattfinden soll, obwohl es für die lokale Szene von großer Bedeutung war.
Auf der anderen Seite haben Großveranstalter wie Live Nation und AEG dank ihrer Marktmacht die Möglichkeit, Verluste zu puffern und ganze Tourneetourniquets zu steuern. Diese Konzerne vereinen Ticketing (über Tochterfirmen wie Ticketmaster), Promotion und oft sogar Künstler-Management unter einem Dach. Ihr Einfluss kann positiv sein – etwa wenn sie Investitionen tätigen, um ein angeschlagenes Festival zu retten oder neue Märkte zu erschließen. Allerdings beklagen unabhängige Veranstalter, dass die Dominanz weniger Konzerne den Wettbewerb verzerrt. Medienberichte heben hervor, dass Live Nation selbst zugibt, dass viele Festivals finanzielle Probleme haben, auch wenn die eigenen Großevents noch gut nachgefragt sind. Die Rolle der Veranstalter besteht nun darin, das Vertrauen des Publikums zurückzugewinnen, etwa durch moderate Preise, Kulanz bei Rückerstattungen und transparente Kommunikation. Einige Festivals, die 2024 im Chaos endeten (z. B. wegen Wetterabbruch oder organisatorischem Versagen), haben dem Image der Branche geschadet – umso mehr müssen sich die Macher jetzt um Professionalität und Zuverlässigkeit bemühen, um die Käufer zurückzuholen.
Nicht zuletzt zeigt sich die Rolle der Medien darin, wie Festival-Absagen vermittelt und diskutiert werden. In Zeiten von Social Media verbreiten sich schlechte Nachrichten – etwa eine kurzfristige Absage – binnen Minuten und können zu Shitstorms führen. Das erhöht den Druck auf Veranstalter, Entscheidungen frühzeitig und umsichtig zu treffen. Umgekehrt kann eine geschickte mediale Inszenierung (z. B. die Vorankündigung eines „Pausenjahrs“ statt eines endgültigen Endes) die Enttäuschung bei Fans abmildern. Letztlich sind Medienunternehmen und Veranstalter gefordert, gemeinsam Lösungen zu finden, um die Festival-Kultur an neue Gegebenheiten anzupassen, sei es durch crossmediale Erlebnisse, Live-Übertragungen zur Reichweitensteigerung oder engere Kooperationen zwischen unabhängigen Festivals und größeren Partnern.
Auswirkungen auf Künstler*innen, Personal und lokale Wirtschaft
Die Welle an Festivalabsagen und -einstellungen hat weitreichende Folgen, die über enttäuschte Fans hinausgehen. Für Künstler*innen bedeuten weniger Festivals auch weniger Auftritts- und Verdienstmöglichkeiten. Gerade für aufstrebende Acts sind Festivals wichtige Plattformen, um neue Publikumsschichten zu erreichen und Karrieren voranzutreiben. Fällt ein Festival weg, verlieren Newcomer diese Bühne – und etablierte Bands entgehen garantierte Gagen. Zwar erhalten Top-Acts bei Absagen teilweise Ausfallhonorare (im Fall Sick New World bekamen die Headliner laut Berichten einen Teil ihrer Gage trotz Absage ausgezahlt), doch kleinere Bands gehen oft leer aus. Insgesamt trägt die Krise also zu einer weiteren Konzentration in der Live-Musik bei: Wer ohnehin schon groß ist, behauptet sich, während der Nachwuchs mehr Hürden überwinden muss.
Für die Mitarbeitenden und Zulieferer der Festivalbranche ist die Lage ähnlich angespannt. Hinter jedem Festival stehen hunderte Jobs – von Veranstaltungstechniker*innen über Bühnentechniker, Caterer und Security-Personal bis hin zu lokalen Aushilfskräften. Wird ein Festival gecancelt, fallen diese Arbeitsmöglichkeiten weg, oft sehr kurzfristig. Viele Freelancer im Event-Bereich sind finanziell darauf angewiesen, dass geplante Einsätze stattfinden. Zudem haben die letzten Jahre bereits durch die Pandemie große Unsicherheit gebracht; nun trifft die wirtschaftliche Krise die ohnehin belastete Kultur- und Eventbranche erneut. Veranstaltende Unternehmen, die mehrere Absagen verkraften mussten, geraten in Insolvenzgefahr – etwa im UK-Festivalmarkt, wo manche Betreiber 2024/25 liquidiert wurden, weil die laufenden Kosten nicht mehr gedeckt werden konnten. Die Abwicklung eines Festivals bedeutet auch, dass Spezialwissen und eingespielte Teams verloren gehen, was einen strukturellen Schaden für die Live-Musik-Infrastruktur darstellt.
Besonders spürbar sind die Auswirkungen auf die lokale Wirtschaft und Kultur der Austragungsorte. Große Festivals ziehen oft Zehntausende Besucher in eine Region, was beträchtliche Einnahmen für Hotels, Gastronomie, Transportunternehmen und den Einzelhandel bedeutet. Fällt ein solches Event weg, fehlen diese Umsätze. Ein Beispiel: Das Dreamville Festival in North Carolina generierte 2023 an einem Wochenende knapp 146 Millionen US-Dollar Umsatz für die Region Raleigh – davon über 20 Mio. $ allein für Hotels und fast 19 Mio. $ für Gastronomie. Wenn dieses Festival 2025 letztmalig stattfindet und dann endet, verliert die Stadt in den Folgejahren einen wichtigen Umsatzbringer. Allgemein gilt: Jedes abgesagte Festival reißt ein Loch in die Stadtkasse der Gastgeberstadt. Tourismusverbände und Stadtverwaltungen schlagen daher Alarm, wenn Traditionsveranstaltungen wegbrechen.
Neben dem finanziellen Aspekt darf der kulturelle Verlust nicht unterschätzt werden. Festivals sind oft Teil der Identität einer Region und bieten Plattformen für Kunst und Gemeinschaft. Ihre Absage bedeutet auch den Wegfall von Orten der Begegnung und des kulturellen Austauschs. Lokale Musiker*innen und Kunsthandwerker, die auf Festivals auftreten oder Stände betreiben, verlieren Gelegenheiten, sich zu präsentieren. Wie ein Branchenkenner treffend formulierte: Wenn Konzerte oder Festivals ausfallen, „bleibt die lokale Wirtschaft auf der Strecke – von leerstehenden Hotelbetten bis zu entgangenen Jobs“. Somit sind Festivalabsagen nicht nur Einzelereignisse, sondern treffen im weiteren Sinne ein ganzes Ökosystem aus Kultur, Wirtschaft und Gemeinschaftsleben.
Fazit
Die Absage des Pitchfork Music Festival 2025 und die Vielzahl weiterer Festivalabsagen in den letzten beiden Jahren sind Symptom und Signal einer Branche im Umbruch. Wirtschaftliche Belastungen – vor allem rasant steigende Kosten bei gleichzeitig nachlassender Nachfrage – haben das Geschäftsmodell vieler Festivals ins Wanken gebracht. Zugleich hat sich das Konsumverhalten des Publikums verändert: Die Menschen wählen selektiver, geben ihr Geld gezielter für wenige Highlight-Events aus und sparen eher an „Nice-to-have“-Erlebnissen wie zusätzlichen Festivals. Die Festival- und Musikindustrie selbst durchläuft einen Strukturwandel: Nach Jahren des Wachstums folgt nun eine Konsolidierungsphase, in der sich entscheidet, welche Konzepte tragfähig sind. Große Player und mediengestützte Veranstaltungen können manchen Sturm überstehen, während für unabhängige Festivals kreative Anpassung oder Kooperation überlebenswichtig wird.
Die Entwicklungen zwingen alle Beteiligten zum Umdenken. Festivals müssen ihren Mehrwert für Besucher klarer herausstellen – sei es durch exklusives Programm, verbesserten Service oder moderatere Preise. Einige Zukunftsszenarien deuten darauf hin, dass kleinere, spezialisierte Events mit starkem Community-Gefühl erfolgreicher sein könnten als anonyme Mega-Festivals. Auch Hybridmodelle (teils vor Ort, teils virtuell) könnten an Bedeutung gewinnen, um Reichweite zu erhöhen. Für die Fans bedeutet der Wandel, dass Festivals wohl seltener, dafür bewusster besucht werden – als besondere Erlebnisinseln in einem ansonsten digital geprägten Musikalltag.
Nicht zuletzt rückt die Bedeutung der Festivalbranche für Kultur und Wirtschaft stärker ins öffentliche Bewusstsein. Wenn Festivals sterben, verlieren nicht nur Musikliebhaber*innen geliebte Veranstaltungen, sondern ganze Regionen büßen wirtschaftliche Impulse und kulturelle Strahlkraft ein. Die Krise von 2024/2025 könnte so auch als Weckruf dienen: Politik, Veranstalter und Medienhäuser sind angehalten, gemeinsam Lösungen zu finden, um die Festivalkultur zukunftsfähig zu machen. Denn trotz aller Herausforderungen bleibt die Faszination bestehen, gemeinsam unter freiem Himmel Musik zu erleben – und mit den richtigen Anpassungen könnten Festivals nach dieser Talsohle in neuer Form wieder aufblühen.






